Lügen im Netz

Wieso eignet sich gerade das Internet so gut zum Verbreiten von Fake News? Wie können wir uns davor schützen? Ein Einblick in die technischen und psychologischen Mechanismen hinter der modernen Manipulation.

Es ist Nacht. Man sieht einen wütenden Mob von Männern auf einer Strasse. Sie schreien, werfen Gegenstände auf vorbeifahrende Autos und schlagen mit Stangen auf sie ein. Im Internet wird das Video tausendfach angeklickt. Es trägt den Titel: «Muslims violence in Birmingham during Ramadhan!!» Doch das ist falsch.

In Wirklichkeit stammt die Aufzeichnung weder aus Birmingham noch gibt es hier einen religiösen Kontext – es sei denn, man definiert Fussball als Religion. Tatsächlich zeigt die Aufnahme gewalttätige Hooligans nach einem Match zwischen dem FC Luzern und dem FC Basel. Das Video wurde in der Nähe des Basler Stadions aufgenommen, Schweizer Medien berichteten nach dem Vorfall im Juni 2018 ausführlich. Das Bildmaterial wurde anscheinend aus dem Netz kopiert und irreführend wiedergegeben: Auf Facebook, auf WhatsApp und auf YouTube verbreitete sich die Falschmeldung tausendfach – und geistert bis heute durch das Netz.

Es ist immer wieder zu erleben: Dass aus dem Kontext gerissene oder komplett erfundene Meldungen ein riesiges Publikum online erreichen und oft viel mehr Leser finden als eine seriös recherchierte Geschichte. Gerade Falschmeldungen über emotional aufgeladene Themen verbreiten sich nicht selten schnell und vielfach, weil diese allzu gut ins Weltbild mancher Bürger passen und dann unhinterfragt übernommen werden. Die Wissenschaft nennt das «zielgerichtetes motiviertes Denken», wenn Menschen eher jene Information ernst nehmen, die ihre Sichtweise bestätigt. Das war sind für jene Falschmeldungen, die gut in das eigene Wertekonstrukt passen. Neu ist aber, dass sich solche Halbwahrheiten oder gar Lügen rasant über das Netz verbreiten lassen.

Am besten ist dieses Phänomen für die Präsidentschaftswahl in den USA 2016 erforscht (wohl auch, weil es dort so deutlich zutage trat). Das Online-Medium BuzzFeed fand heraus, dass in den letzten drei Monaten vor der Wahl die zwanzig populärsten Fake News auf Facebook erfolgreicher waren als die zwanzig populärsten Nachrichtentexte (gemessen an der Zahl der Likes, Kommentare und Shares, die diese Beiträge ernteten). Einzelne Fake News ernteten mehr Reaktionen als seriöse Recherchen von Medien wie etwa der New York Times. Die erfolgreichste Fake News im US-Wahlkampf lautete: «Papst Franziskus schockiert die Welt, unterstützt Donald Trumps Kandidatur laut Pressemeldung.» Natürlich Unsinn, aber ein Klickerfolg.

Zum Glück gibt es mittlerweile konkrete Zahlen, wie weit verbreitet Desinformation in diesem besonders umkämpften Wahlkampf war Einer von vier US-Amerikanern, konkret waren es 27,4 Prozent, sah Fake News in den Wochen vor der Wahl. Das berechneten die Politologen Brendan Nyhan, Jason Reifler und Andy Guess. Sie haben das Surf-Verhalten von 2500 Bürgern ausgewertet und analysiert. Ihre Studie birgt eine gute und eine schlechte Nachricht: Fake News sind kein Phänomen, das die breite Masse betrifft. Sehr wohl aber kam in diesem Wahlkampf ein signifikanter Teil der Bevölkerung mit derartiger Desinformation in Kontakt, immerhin jeder vierte US-Amerikaner ab dem 18. Lebensjahr. Besonders stark «betroffen» waren jene US-Bürger, die viele rechte Websites aufriefen – gerade unter Unterstützern von Donald Trump zirkulierten Fake News erfolgreich. Und auch Facebook war ein wichtiger Faktor. Unter Trump-Fans, die viel Zeit auf Facebook verbringen, kamen sechs von zehn Bürgern mit Fake News in Kontakt (62,4 Prozent).

Der Verdacht liegt nahe: Der US-amerikanische Wahlkampf war ein politisches Worst-Case-Szenario – zum Glück sind die allermeisten Abstimmungen nicht derart von Desinformation überschattet. Allerdings sieht man hier, dass gerade hart umfochtene Wahlkämpfe ein enormes Ausmass an Desinformation im Netz hervorbringen können. Und das ist ein Problem in einer Zeit, in der soziale Medien einen grossen Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte haben. Die Hälfte der Schweizer mit Internetzugang beziehen ihre Nachrichten auch über soziale Medien – also jeder Zweite. Das fand der Digital News Report des Reuters Institute der Universität Oxford im Jahr 2018 heraus.

Natürlich gab es Lügen – auch im politischen Kontext – schon lange vor dem Internet. Wahrscheinlich ist die politische Lüge so alt wie die Politik selbst. Allerdings scheinen sich manche soziale Medien wie Facebook, aber auch WhatsApp und YouTube speziell gut zum Verbreiten unseriöser Information zu eignen. Die Faktenchecker der Website Mimikama.at berichten beispielsweise, dass viele Gerüchte und Halbwahrheiten im deutschsprachigen Raum (die ihnen von Nutzern zur Überprüfung gemeldet werden) mittlerweile über WhatsApp ausgetauscht werden. Und YouTube wiederum ist bekannt dafür, dass auf dem Videoportal viele Verschwörungstheorien zu finden sind, die teils sogar sehr prominent angezeigt werden. Woran liegt das, dass diese digitalen Tools auch ein Werkzeug der Irreführung sind?

Ein wichtiger Faktor ist die Emotionalität. Nehmen wir die Meldung, dass Muslime in Birmingham während des Fastenmonats Ramadan randaliert hätten. Eine solche Behauptung regt einen Teil der Bevölkerung auf, versetzt viele in Wut, bringt diese zum Klicken und auch Teilen der Meldung. Tatsächlich lässt sich in Datenauswertungen messen, dass Wut eine extrem erfolgreiche Emotion ist, auch im Internet. Wütende Menschen klicken mehr.

Medien profitieren von höherer Reichweite, wenn ihre Geschichten Wut auslösen. Eine Studie hierzu – die keine Falschmeldungen behandelte, aber sehr wohl die Viralität von Emotionen erforschte – zeigt auf: Wut ist eine aktivierende Emotion. Die Wissenschaftler Jonah Berger und Katherine Milkman analysierten, welche Artikel der New York Times eher «viral» (also stark von Menschen weitergeleitet) werden. Konkret berechneten sie, welche Texte auf der Website Menschen per E-Mail an Freunde oder Bekannte weiterleiteten. Es zeigte sich, das wütend machende Artikel eine deutlich höhere Chance aufwiesen, viral zu werden: Ihre Chance, auf die Liste der meistversendeten Artikel zu kommen, lag um ein Drittel höher.

Wer aufregt – und das kann man mittels Falschmeldungen besonders gut –, hat im Netz oft bessere Karten: Denn Menschen steigen auf solche Aufregerthemen ein. Zu Recht könnte man hier einwenden, dass dies vermutlich schon immer so war. Menschen reagieren eben auf starke emotionale Reize. Im Internet kommt aber ein weiterer Faktor hinzu: Software. Auf Websites wie Facebook entscheiden Algorithmen, welche Meldungen den Nutzern angezeigt werden und welche nicht. Von Facebook wissen wir, dass die sogenannte Interaktion (die Zahl der Likes, Kommentare, Shares) sehr wichtig dafür ist, ob etwas Vielen eingeblendet wird. Hier besteht also die Gefahr, dass emotional aufwühlende Meldungen zuerst viel Feedback von Usern hervorrufen und die Software dann diese menschlichen Likes oder Kommentare als Zeichen wertet, dass der aufwühlende Beitrag noch mehr Menschen eingeblendet werden sollte. Software kann also Emotionalität begünstigen. Bisher wissen wir nicht, ob dieser Effekt auf Plattformen wie Facebook auftritt und wenn ja, wie gross er ist, denn aktuell werden keine unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen hierzu von Facebook erlaubt. Wir tappen also leider im Dunklen, wie sehr auch Software daran beteiligt sein kann, was im Netz zum Gesprächsthema wird. Auf jeden Fall lässt sich beobachten, dass einzelne Fälschungen auf Facebook ein Massenpublikum erreichen.

Und neben solchen technischen und psychologischen Hintergründen gibt es einen weiteren wichtigen Aspekt: die Ökonomie. Es ist sehr billig geworden, Gerüchte und Anschuldigungen unters Volk zu bringen. Auch bevor Facebook oder WhatsApp in politischen Wahlkämpfen eine grosse Rolle spielten, gab es Schmutzkübel-Kampagnen. Zum Beispiel kam und kommt es immer wieder vor, dass Parteien falsche Behauptungen über den politischen Gegner über Printmedien verbreiten. Es braucht allerdings einigen personellen und finanziellen Aufwand, um etwa Flyer, Postwurfsendungen oder Plakate zu drucken und dann auch unter die Leute zu bringen. Im Netz ist das Säen böser Gerüchte ungleich billiger: Wenn Sie nur 100 Franken in die Hand nehmen, können Sie damit schon ein Jahr lang eine seriös wirkende Website betreiben. Die Internetadresse und der Speicherplatz kosten sie etwa fünf Franken im Monat. Die Blogging-Software, die auch viele Medienhäuser verwenden, ist gratis. Für 20 bis 40 Franken mehr kann man sich auch noch ein hübsches Design dazu kaufen. Damit sieht die eigene Seite bereits ziemlich professionell aus. Und viele Bürger lassen sich von diesem ersten Eindruck täuschen.

Was aber treibt jene an, die Lügen oder Halbwahrheiten im Netz verbreiten? Ganz offensichtlich ist ein Teil der Irreführung politisch motiviert – oft verbreiten politisch einschlägige Seiten Falschmeldungen. Doch nicht nur Ideologie, auch Geld kann eine Rolle spielen: Mit reisserischen Headlines locken unseriöse Seitenbetreiber mitunter tausende Besucher auf die eigene Page und blenden diesen Besuchern dann Werbung ein. Wer geschickt besonders brisante Meldungen erfindet, kann damit Profit machen. Für den US-Wahlkampf ist gut dokumentiert, dass ein Teil der Fake-News-Produzenten ganz einfach Geld machen wollte. Gerade in den USA, wo die Meinungsfreiheit deutlich freizügiger geregelt ist als in vielen europäischen Staaten, lässt sich Fehl- und Desinformation auch als Geschäftsmodell erfolgreich betreiben. Nichtsdestotrotz bergen solche Falschmeldungen eine Gefahr: Dass ein Teil der Bevölkerung sehr viel Falsches für wahr hält. Man muss davon ausgehen, dass Internetnutzer mehrheitlich glauben, was sie online lesen. Das legt zumindest eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos Public Affairs nahe, die im Auftrag von BuzzFeed nach der US-Wahl durchgeführt wurde. Die Meinungsforscher legten Bürgern unterschiedliche Fake-News-Schlagzeilen vor und fragten sie, ob sie die Meldung selbst gesehen und ob sie diese damals für wahr gehalten hatten. Die Mehrheit der Amerikaner, die sich an einzelne Falschmeldungen erinnern konnten, hatten diese geglaubt. Nehmen wir etwa jenen erfundenen Artikel, wonach der Papst Trumps Kandidatur unterstützen würde. Beinahe zwei von drei US-Amerikaner, die nach eigener Auskunft diese Behauptung gesehen hatten, hielten sie für wahr – unter Trump-Wählern waren es sogar 75 Prozent.

Was kann man tun, wenn einem all dies nicht behagt? Eine Selbstverteidigung gegen Desinformation ist möglich. Wenn man versteht, wieso Falschmeldungen florieren, kann man Gegenstrategien entwickeln. Drei konkrete Tipps:

  • Misstrauen Sie der Optik: Unseriöse Seiten sehen oft überraschend «normal» aus. Wie beschrieben, ist es eben einfach und billig geworden, eine professionell wirkende Website zu starten. Wenn man eine Website nicht kennt und ihre Ausrichtung nicht einstufen kann, sollte man sich fragen: Wer betreibt diese Seite? Es lohnt ein Blick ins Impressum oder unter die Rubrik «Über uns». Bei einigen fragwürdigen Seiten ist dort oft zu lesen, dass diese Seite «nur Satire» sei oder es wird sogar eingeräumt, dass alle Inhalte erfunden seien und angeblich dem «Humor» dienen (wobei viele dieser Seiten nicht sonderlich witzig sind). Wenn eine Website kein eindeutiges Impressum aufweist – also nicht den Namen des Betreibers und eine Adresse angibt –, ist dies bereits ein Warnsignal. Es lohnt sich aber, nicht nur ins Impressum zu schauen, sondern auch den Namen einer unbekannten Seite zu googeln. Über besonders unseriöse Portale findet man oft warnende Artikel oder Faktenchecks, die zeigen, wo diese Website bereits Unsinn verbreitete.
  • Misstrauen Sie Ihrer Emotion: Falschmeldungen funktionieren über Gefühle. Viele irreführende Behauptungen zielen darauf ab, unmittelbar Wut auszulösen oder die eigenen Feindbilder zu bestätigen, sodass Menschen den Impuls verspüren, prompt die Meldung mit ihren Bekannten zu teilen – weil man sich furchtbar ärgert oder weil man sich bestätigt fühlt. Im Affekt vergisst man die zentrale Frage: Stimmt die Behauptung wirklich? Achten Sie also auf Ihre Emotion. Wenn Sie eine Meldung total in Wut versetzt oder Ihnen aus der Seele spricht, sollten Sie vorsichtig werden und schauen, ob diese Behauptung von einer seriösen Seite kommt. Gerade Fälscher formulieren Nachrichten so, dass sie uns emotional bestätigen – und ein starker emotionaler Impuls ist ein Warnsignal. Nicht alles, was brisant anmutet, ist falsch. Dennoch ist die Realität oft deutlich langweiliger als eine Falschmeldung.
  • Misstrauen Sie Fotos: Fälscher arbeiten häufig mit Bildern, weil diese authentisch anmuten. Auch das Video von den Hooligans, die als Muslime ausgegeben wurden, zeigt dies. Doch einerseits können Fotos gefälscht werden, andererseits lassen sich ältere Aufnahmen auch entwenden und in einen neuen, verzerrten Kontext stellen – wie beim Schweizer Video. Deswegen: Vertrauen Sie spektakulär wirkenden Videos lieber nicht. Erinnern Sie sich daran, wie leicht Aufnahmen manipuliert oder einfach aus dem Kontext gerissen werden können.

Übrigens gibt es auch technische Möglichkeiten, Bildtricksereien zu erkennen: Auf Suchmaschinen wie Google kann man ein Foto hochladen und überprüfen, ob es früher schon einmal im Web verbreitet worden ist. Wenn eine Aufnahme bereits vor fünf Jahren im Internet zirkulierte, kann diese nicht (auch wenn dies ein Posting behauptet) den Vorfall von «gestern Abend mitten in Zürich» zeigen. Professionelle Faktenchecker finden oft über Bildersuchen heraus, dass ein altes Foto entwendet wurde. Auf diese Weise wurden auch die Hooligans als solche erkannt: Faktenchecker der indischen Website Boom luden einzelne Aufnahmen dieses Videos in der Google-Bildersuche hoch und sahen, dass die Aufnahme ursprünglich aus der Schweiz stammt. Das Beispiel zeigt übrigens auch, wie global das Phänomen der Irreführung im Netz geworden ist. Ein Video aus der Schweiz wird für politische Stimmungsmache in Grossbritannien eingesetzt, und letztlich klären indische Journalisten diese Fehlinformation auf.

Es ist unrealistisch, als Internetnutzer jede fragwürdige Behauptung nachzurecherchieren, die einem online begegnet. Im Zweifelsfall hilft aber eine simple Regel: Wenn man die Seriosität einer Quelle nicht einstufen kann, sollte man diese weder liken noch teilen. Zu erkennen, wann man etwas lieber nicht posten oder lieber nicht liken sollte, ist eine der wichtigsten Medienkompetenzen des21. Jahrhunderts.

Ingrid Brodnig ist eine österreichische Journalistin und Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch 'Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren' in einer aktualisierten Neuauflage (2018). Ihr Buch 'Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können' (2016) erhielt den Bruno-Kreisky-Sonderpreis für das politische Buch. 2017 wurde sie von der Österreichischen Bundesregierung zur digitalen Botschafterin Österreichs in der EU ernannt. Illustrationen: Thomas Ottzwei ------ Dieser Artikel ist Teil der Begleitpublikation 'FAKE. Das Magazin'. Das ganze Magazin bestellen via: info@stapferhaus.ch