Die wirklich wahre Liebe

Wie lieben wir in postfaktischen Zeiten?

In dieser Zeit, die «postfaktisch» genannt wird, drehen sich Debatten um Wahrheit und Falschheit oft um den Wahrheitsgehalt von Nachrichten, um die Manipulation von Informationen und populistische Politik. Die Frage nach der Wahrheit stellt sich aber auch noch grundlegender, wenn es etwa um Identitäten im Internet geht: um Trolle und Bots, um Klarnamenpflicht und Selbstdarstellung auf Social-Media-Profilen: Wer ist echt, wer nicht, und wie «echt» kann man im Netz überhaupt sein?

Von da ist es kein weiter Weg zu der Frage, wie sich das sogenannte Postfaktische auf das Kennenlernen, Dating und Beziehungen auswirkt und letztlich auf die Frage nach der Liebe.

Es ist nicht so leicht zu sagen, was die «wahre Liebe» ist. Ob sie ewig dauern soll, ob sie nur in einer Beziehung stattfindet oder ob sie überhaupt erwidert werden muss. Man könnte behaupten, die Liebe ist so eine elementare Erfahrung, dass sie unberührt bleibt von neuen Arten der Kommunikation oder neuen technischen Möglichkeiten. Das mag auf eine sehr abstrakte Art stimmen. Aber im konkreten Leben hat der Fortschritt der Gesellschaft – der manchmal von Rückschritten gar nicht so klar trennbar ist – auch Auswirkungen auf die Liebe zwischen Menschen.

Die Möglichkeit, einander Briefe zu schreiben, hat den Liebesbrief entstehen lassen, und die Erfindung des Telefons hat Telefonsex möglich gemacht. Ein Auto zu kaufen und damit jederzeit an alle erdenklichen Orte fahren zu können, hat neue Varianten von Dates erschaffen. Wenn es eines Tages möglich sein wird, als Paar auf den Mars zu ziehen, um dort eine neue Zivilisation aufzubauen, dann wird auch das Auswirkungen darauf haben, wie einige Menschen ihre Beziehungen führen: Meine Partnerin ist toll, aber ist sie auch marstauglich?

Genauso hat auch das Internet einen Einfluss darauf, wie Menschen zusammenfinden und, manchmal, zusammenbleiben.

Obwohl für viele von uns heute ein grosser Teil der Kommunikation online stattfindet, unterscheiden viele immer noch zwischen dem, was im Internet passiert, und dem «richtigen» Leben. Von Menschen, mit denen wir bisher nur gemailt oder gechattet haben, sagen wir, wir hätten sie noch nicht «tatsächlich» oder «in echt» getroffen. Aber was ist «echt» am «richtigen» Treffen? Man könnte sagen, sicher lernt man einen Menschen besser kennen, wenn man ihm auch physisch nahekommt. Man erfährt dann, wie er gestikuliert, wie er lacht, ob er stinkt oder ob er mit einer ausführlichen Weinkarte überfordert ist, aber wie viel mehr weiss man dann? Was ist, wenn jemand sich beim Chatten öffnet, wie sonst nie, und dann beim «richtigen» Treffen kaum spricht, vielleicht aus Angst, etwas Falsches zu sagen? War sie oder er im Chat dann «unauthentisch» – oder gerade «besonders» authentisch? Wenn ich einen schüchternen Mann treffe, der schrecklich unsicher im Umgang mit Menschen ist, sich vor lauter Aufregung sein Getränk aufs Hemd kippt und nicht weiss, was er mit mir reden soll – und dieser Mann im Netz als genialer, witziger, eloquenter Cartoonist bekannt ist, gibt es dann eine «wahre» Seite an ihm oder sind beide gleich wahr?

Die Frage nach der Wahrheit kann sich auch nicht nur auf das «wahre» Wesen eines Menschen beziehen, sondern auch auf die «Wahrheit» der Gefühle, die Menschen für einander haben können. Kann man jemanden lieben, den man noch nie getroffen hat? Jemanden, den man nur in seiner Social-Media- oder Dating-Profil-Identität kennt, oder nur aus Textnachrichten oder von Fotos? Oder jemanden, der gar keinen Körper hat?

In dem Film 'Her' aus dem Jahr 2013 verliebt sich die Hauptfigur Theodore in die Stimme eines Betriebssystems, das Samantha heisst. Samantha lernt ihn immer besser kennen, er fühlt sich verstanden und aufgehoben. Aber irgendwann findet Theodore heraus, dass Samantha neben ihm auch mit Tausenden anderen Menschen und Betriebssystemen in regem Kontakt steht, und in Hunderte davon verliebt ist. Theodore ist völlig aufgelöst. Eine enttäuschte Liebe? Oder überhaupt keine Liebe, von Anfang an?

Kritikerinnen und Kritiker könnten sagen, das sei ein typisches Beispiel für ein entfremdetes Leben, in dem es keinen echten Austausch mehr gibt: eine Dystopie, so witzig sie mitunter erzählt sein mag, und ein bemitleidenswerter, einsamer Mann, der sich in seine Fantasien hineingesteigert hat. Man könnte Samantha mit den heutigen Begriffen als «postfaktische» Affäre beschreiben, die auf einer «Fake-News»-Identität beruht.

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Aber wie viel sagen uns diese Begriffe überhaupt über den Zustand, in dem unsere Gesellschaft sich befindet? Als die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das Wort «postfaktisch» zum Wort des Jahres 2016 wählte, da klang das Bedauern darüber an, dass Diskurse heute oft von Fake News und Populismus geprägt werden und es dadurch schwieriger wird, tatsächliche gesellschaftliche Probleme zu erkennen und zu lösen und dass dabei diejenigen profitieren, die es mit der Wahrheit gern nicht so genau nehmen. Das stimmt, einerseits. Andererseits ist es nichts völlig Neues.

Denn wer von einer neuen, postfaktischen Ära spricht, die einen ganz anderen Umgang mit der Wahrheit habe als frühere Zeiten, der verkennt die Tatsache, dass gesellschaftliche Diskurse schon immer auf Erzählungen basierten, die dem Machterhalt bestimmter Gruppen dienten, Kompliziertes vereinfacht erklären wollten, Unangenehmes verdrängten, Vorurteile oder Unwissen fortschrieben oder sich auf Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte, Rache- oder Sicherheitsbedürfnisse stützten.

Die GfdS schrieb über ihre Entscheidung, es gebe einen «tiefgreifenden politischen Wandel», der darin bestehe, «dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht». Immer mehr Menschen seien bereit, «Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren».

Ähnliches hat allerdings Jahre zuvor bereits Theodor W. Adorno beobachtet, als er 1950 in seinen Studien zum autoritären Charakter schrieb, die modernen faschistischen Bewegungen hätten es «auf die Unwissenden abgesehen; sie stutzen die Tatsachen bewusst in einer Weise zurecht, die nur bei denen zum Erfolg führt, welche mit ihnen nicht vertraut sind. Die Unkenntnis der heutigen komplexen Gesellschaft führt zu einem Zustand von allgemeiner Unsicherheit und Unruhe, der den idealen Nährboden für reaktionäre Massenbewegungen modernen Typs abgibt.»

Oder noch früher: Max Weber. In seinem Vortrag 'Politik als Beruf' von 1919 sprach er von einer «Gegenwart, wo vielfach rein emotional mit Mitteln, wie sie auch die Heilsarmee verwendet, gearbeitet wird, um die Massen in Bewegung zu setzen».

Oder, noch viel früher: Niccolò Machiavelli. In seinem Buch «Der Fürst» von 1513 schrieb er: «Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr vom Drucke des Augenblicks ab, dass derjenige, der sie hintergehen will, allemal Jemand findet, der sich betrügen lässt. […] Die ganze Welt ist voll von Pöbel, und die wenigen Klugen kommen nur zu Worte, wenn es dem grossen Haufen, der in sich selbst keine Kraft hat, an einer Stütze fehlt.»

Die Feststellung, dass Menschen auf Unwahrheiten hereinfallen können und sich von Emotionen leiten lassen, ist also nicht so neu. Man sollte diesen Teil der politischen Ideengeschichte im Hinterkopf haben, wenn das Internet als Sündenbock herhalten muss, der Menschen verwirrt oder dumme Entscheidungen treffen lässt.

Zurück zur Liebe: Kommunikation über persönliche Online-Profile oder anonymisierte Chats besteht nicht nur in einem Austausch «minus die körperliche Erfahrung», bei der man jemanden sieht, hört und riecht und anfassen kann. Sie schafft auch neue Realitäten und lässt Verbindungen zustande kommen, die sonst nicht entstehen würden.

Online-Dating eröffnet aber endlose Möglichkeiten, Menschen zu treffen, die sich sonst nicht kennenlernen würden, weil sie im Alltag in verschiedenen Milieus unterwegs sind.

Sehr anschaulich beschreibt das Jan Fleischhauer in seinem Buch «Alles ist besser als noch ein Tag mit dir», in dem er über seine Scheidung und die Zeit danach schreibt, als er eine neue Beziehung sucht, im Online-Dating: «Ich habe in den acht Monaten, in denen ich bei Parship angemeldet war, mehr über die Liebe und ihre Abwege erfahren als in all den Jahren zuvor.» Der Spiegel-Redakteur beschreibt, wie er eine Kosmetikverkäuferin datet, dann «eine tätowierte Frau aus dem Osten» und die Besitzerin eines Schuhgeschäfts. Vielleicht hätte er alle drei auch ohne Online-Dating kennenlernen können, aber sehr wahrscheinlich ist es nicht. Er traf über dieselbe Plattform dann auch seine neue Ehefrau: «Sie hatte mich angeschrieben, weil ihr bei einem Vergleich unserer Profile viele Gemeinsamkeiten aufgefallen waren, wie sie sagte. Ich antwortete nach einem Blick auf ihr Profil, dass ich leider keine Gemeinsamkeiten erkennen könne.» Es klappte dann aber doch: «Am Ende des Wochenendes waren wir ein Paar. Dabei ist es geblieben.»

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Im Missy Magazin schrieb Paula Irmschler: «Als Teil der Generation, die in der Kindheit noch nichts und heute alles über das Internet weiss, würde ich sagen: Vom Schulhof bis zu den sozialen Netzwerken hat sich vor allem geändert, dass man sich selbst besser findet und auch von anderen besser gefunden wird (im doppelten Wortsinn). […] Nun kann potenziell jeder cool sein, egal wie viel Knete man hat, wo man wohnt und wie man aussieht.»

Wer im sogenannten richtigen Leben nicht in die alte Zweiteilung von «weiblich» und «männlich» passt, findet im Internet einen ganzen Haufen Möglichkeiten, sich neu zu verorten. Auf Facebook kann man inzwischen aus zahlreichen Beschreibungen auswählen: androgyn, intersexuell, Pangender, Butch, Femme, viertes Geschlecht, Transfrau, Drag, und viele mehr. Auf OkCupid kann man angeben, dass man keine heterosexuellen Leute sehen will und auch von ihnen nicht gesehen werden will, was sich im «echten» Alltag nicht so leicht herstellen liesse. Überhaupt, das «Sehen» und «Gesehenwerden» werden neu verhandelt: Wer nicht in klassische Schönheitsideale passt, kann sich im Internet mitunter freier bewegen als auf der Strasse, und wer sich nicht traut, jemanden anzusprechen, der über 1,90 Meter ist, wird im Internet vielleicht nicht mal merken, dass er es tut.

Was für die einen neue Freiheiten eröffnet, ist für die anderen der Beginn einer Herrschaft von Algorithmen, in einer Welt, in der Menschen sich optimierte Produktbeschreibungen ihrer eigenen Geschlechtlichkeit und Sexualität zusammenbasteln, die sie dann auf den Markt werfen. Allerdings war in der Zeit vor dem Internet die Art, wie Menschen zueinander fanden, auch nicht ganz so romantisch, wie es oft dargestellt wird. Mag sein, dass heute Menschen von Algorithmen verkuppelt werden, aber früher waren die Algorithmen die Eltern, die entschieden, wer zu Besuch kommen darf und wer nicht, und die Eltern hatte man sich, im Gegensatz zu den eigenen Suchpräferenzen, nicht selbst ausgesucht.

Die Auswahl zukünftiger Sexualpartnerinnen und -partner verlief noch nie nach allein romantischen Kriterien. Es mag grausam sein, dass man, sobald man sein wahres Alter ins Profil getippt hat, für einige Menschen sexuell quasi tot ist, weil sie nur nach jüngeren suchen. Es mag weniger wie im Disneyfilm zugehen, wenn man den Penis des zukünftigen Partners schon zehn Mal als Dick Pic geschickt bekommen hat, bevor man ihn zum ersten Mal live sieht.

Aber die Idee der romantischen Liebe, bei der zwei Menschen einander völlig frei wählen, weil sie für einander bestimmt scheinen, war von Beginn an eine Illusion, die viel brauchte, um aufrechterhalten zu werden. Um an sie zu glauben, musste man früher wie heute die Tatsache ausblenden, dass Menschen oft nur innerhalb ihrer Klasse oder ihres Milieus Beziehungen anfangen, dass das Einkommen und das Aussehen für viele eine wesentlich grössere Rolle spielen, als sie zugeben würden, ebenso wie die Herkunft, Religion, die Hautfarbe, die Frage nach Behinderungen oder Krankheiten, und am allerbesten blendet man dabei auch noch aus, wie viele Ehen heute geschieden werden.

Es ist nicht verwerflich, sich nach dem «Echten» zu sehnen, aber es mag vor Enttäuschungen bewahren, die eigene Erwartungen etwa mit dem abzugleichen, was wir aus Sozialwissenschaft und Psychologie darüber wissen, wie Menschen Beziehungen beginnen.

Moira Weigel schreibt dazu in ihrem Buch «Dating – eine Kulturgeschichte», dass Apps wie Tinder für viele Nutzerinnen und Nutzer gar nicht bloss der Auswahl zukünftiger (Sexual-)Partnerinnen und (Sexual-)Partner dienen, sondern eher eine Art Spiel sind, das man nicht zu ernst nehmen muss: Obwohl ein durchschnittlicher User die App im Schnitt zehnmal am Tag öffne, habe er nicht immer die Absicht, dabei die Liebe seines Lebens zu finden. Der wertvollste Verdienst von Tinder sei, schreibt Moran, «wohl die Ausschüttung von Endorphinen, wenn wir daran erinnert werden, […] dass irgendjemand in Betracht zieht, mit uns ins Bett zu gehen». Sie erzählt von einem Freund, der die App zumeist auf dem Klo benutzt habe und schliesst lakonisch, vielleicht sei es das, was die Geschichte des Datings – und des Kapitalismus – die Menschen in den vergangenen Jahrzehnten gelehrt habe: «damit zufrieden zu sein, allein und mit heruntergelassener Hose auf dem Klo zu sitzen und auf unsere grosse Chance zu warten, während wir kostenlos Gewinne für die Hightechindustrie generieren». Und wenn die grosse Chance dann tatsächlich kommt, so könnte man hinzufügen, dann hat man als Paar zumindest eine lustige Kennenlerngeschichte, die man dann ganz authentisch und wahr erzählen kann.

Und vielleicht kommt es am Ende nicht so sehr darauf an, unter welchen Umständen man einander kennengelernt hat, ob in anonymen Chats, auf einer Party oder durch die Eltern verkuppelt, solange man dabei Menschen findet, mit denen man einen Teil seines Lebens verbringen will – egal, ob man sich mit ihnen «in echt» unterhält oder online, und egal, ob die Person bis zum Ende dieselbe ist oder später durch andere ersetzt wird.

«Liebe ist nicht in erster Linie die Bindung an eine bestimmte Person», schrieb Erich Fromm 1956. «Sie ist eine Haltung, eine Charakter-Orientierung, welche die Bezogenheit eines Menschen zur Welt als Ganzem und nicht nur zu einem einzigen ‹Objekt› der Liebe bestimmt.»

Und das war lange, lange vor Online-Dating.

Margarete Stokowski schreibt als freie Autorin unter anderem für die taz und die ZEIT. Seit 2015 erscheint ihre wöchentliche Kolumne «Oben und unten» bei Spiegel Online. Ihr Debüt «Untenrum frei» von 2016 gilt als Standardwerk des modernen Feminismus. Illustrationen: Jordy van den Nieuwendijk ------ Dieser Artikel ist Teil der Begleitpublikation «FAKE. Das Magazin». Das ganze Magazin bestellen via: info@stapferhaus.ch