«Das soll nicht wuchern»

Die Kulturwissenschaftler Karin Harrasser und Helmut Lethen diskutieren über ein Kostüm, das wir überall hin mitnehmen: über Frisuren und Bärte, über Augenbrauen und Schamhaare.

Karin Harrasser: Wir wollten über Haare reden – und über die Frage, ob das bewusste Gestalten der Körperperipherie Betrug ist an der Wahrheit des Körpers oder nicht.

Helmut Lethen: Als ich über das Thema nachzudenken begann, fiel mir als erstes ein, dass es in der Männerfantasie einerseits «Zugriffhaare» gibt, andererseits so etwas wie «Abwehrhaare». In den 1950er-Jahren zum Beispiel gab es so spinnenwebenartige Kopfhaarfrisuren.

H: Was meinst du damit? Hochgesteckt, toupiert? Wurden die von älteren Frauen getragen?

L: Nein, es waren 30-, 40-jährige Frauen. Und für uns Jungs war absolut klar: Das sind frigide Frauen.

H: Frigidität – oder eher Unerreichbarkeit?

L: Das war für uns dasselbe, weil wir keine Erfahrung hatten.

H: Das wäre dann eine sehr alte Geschichte, dass die unerreichbare Frau sofort abgewertet wird als frigide. Das gilt ja auch für lesbische Frauen, die schnell als frigide eingestuft werden, weil sie für das männliche Begehren unerreichbar sind.

L: Ja. Aber nochmal zu den Zugriffhaaren, die Tatsache des Bubikopfs: Diese Haare sind nicht greifbar für den Mann. Er kann sich die Frau nicht am Zopf gefügig machen. Haare haben in Männerfantasien eine grosse Wichtigkeit. Und die Haare der Mutter. Meine Mutter hatte eine Hochfrisur, Elfriede Jelinek nennt die anders, «die Frisur der Trümmerfrauen». Wahrscheinlich eine relativ komplizierte Frisur, die hochgesteckten Haare. So ist das Haar quasi auch ein Index einer historischen Situation, also wenn man sagt: «Das waren die Haare der Trümmerfrauen.»

H: Aber wie sah die Frisur aus im Vergleich zu den toupierten Spinnwebenfrauen, was war der Unterschied?

L: Die waren nicht durchsichtig, sondern hochgesteckte, relativ helmartige Frisuren.

H: Helm? Auch eine Abwehrfrisur?

L: Genau. Gibt es ähnliche Haarphantome in weiblichen Fantasien?

H: Ich denke schon. Da ist es aber weniger das Haupthaar, sondern sind es eher Bärte. Bärte sind insofern superinteressant zu beobachten, weil sie einerseits eine grosse Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Du kannst ja wirklich dein Gesicht komplett verändern dadurch, dass du was stehen lässt oder nicht. Es ist wirklich eine Maske, weil sie im Gesicht ist, noch mehr als das Haupthaar, also das, was den Rahmen bildet. Mit dem Bart kannst du dir ein anderes Gesicht machen. Und es ist natürlich eines der auffälligsten Zeichen, das gar nicht anders kann, als auf den biologischen, genetischen Unterschied zurückzuverweisen. Es ist einerseits fast unendlich gestaltbar – von schmalen, coolen Bärtchen bis hin zum Eremitenbart. Andererseits wehrt es sich gegen kultürliche Gestaltung, weil der Bart nur mit bestimmten hormonellen Dispositionen überhaupt wächst. Von daher ist – wenn man das dem Männlichen und Weiblichen überhaupt so eindeutig zuordnen kann – wahrscheinlich für Frauen der Bart von grösserem Interesse als das Haupthaar.

L: Das ist höchst interessant.

H: Ich mochte beispielsweise nie Männer mit Bärten. War für mich sehr unattraktiv und tendenziell ein bisschen ekelig.

L: Mir hat eine Frau mal gestanden, bärtige Männer fände sie grandios, wenn sie zwischen ihren Schenkeln lägen.

H: Hmm, das kann schon sein.

L: Dieses Moment des Kitzels. Auf der anderen Seite hat sich das ja in den letzten Jahren auch ästhetisch wieder sehr bemerkbar gemacht: ISIS, Taliban und andere – das waren die Bärtigen und plötzlich hatten ganze Basketballmannschaften Bärte. Und Messi, dieser kleine Junge, wurde plötzlich erwachsen, weil er sich ein Bart stehen liess.

H: Ich sehe das eher umgekehrt. Der Hipsterbart war schon vor dem Islamischen Staat en vogue. Man kann den Hipsterbart nicht verstehen, ohne zu bedenken, dass zeitgleich dazu auch die langen Frauenhaare wieder aufgekommen sind. Beide haben als Körperzeichen mit einer Vereindeutigung von Geschlecht zu tun. Meiner Wahrnehmung nach ging es in den 1970er-, 1980er- und auch noch 1990er-Jahren in der Jugendkultur tendenziell um so etwas wie einen Ausgleich. Frauen hatten kürzere Haare, Männer hatten längere Haare. Bärte waren eigentlich nicht sehr angesagt, weil es in der Popkultur eher eine Tendenz zur Androgynität gegeben hat, mit den grossen Ikonen David Bowie und Laurie Anderson. Die haben die Geschlechtermarkierung programmatisch ausgeblendet und kamen diesbezüglich möglichst unklar daher. Meiner Beobachtung nach waren es dann die frühen 2000er-Jahre, in denen es eine Rückbewegung auf klassischere Geschlechterrollen gab. Nicht alleine da, es gibt wirklich eine Rückkehr klassischer Geschlechterrollen: die grosse Sehnsucht, wieder zu heiraten … All das, was eine ganze Weile fast verschwunden schien, ist heute wieder da.

L: Aber dann kann ich mir nicht erklären, wie gleichzeitig der Status der Haarpracht heute wieder so akzentuiert wird. Es gibt ja auch die Enthaarungskünste der Achseln, der Beine und eventuell der Scham. Also einerseits schlüpft man wieder in das weibliche Kostüm des langen Haares; auf der anderen Seite legt man grössten Wert darauf, enthaart zu sein. Wie passt das zusammen?

H: Ein Stichwort dazu hast du schon genannt: dass das lange Haar und der Bart beides Kostüme sind. Dass sie so eine starke Verbindung zu einem biologischen Anteil haben, bedeutet nicht, dass sie natürlicher sind. Sie betonen nur ein Merkmal, wie das jede Kulturtechnik macht. Man filtert aus den vielen Möglichkeiten, den Körper zu symbolisieren, eine heraus, die in diesem Fall eine besonders starke Markierung ist für eine eindeutige Geschlechtlichkeit. Das heisst aber nicht, dass insgesamt der Körper als «natürlicher» aufgefasst würde. Und das hindert ja überhaupt nicht eine andere Tendenz, die darin besteht, den Körper – ich würde nicht sagen zu verfälschen oder künstlicher zu machen, sondern eher dem Phantasma – einer totalen Kontrollierbarkeit zu unterwerfen. Das soll nicht wuchern, das soll nicht stinken, das soll möglichst eine wohlgestaltete Oberfläche bieten. Für meine Begriffe geht das eine mit dem anderen ziemlich gut zusammen, weil sozusagen dieser Rückgang auf ganz klare Geschlechteridentitäten auch der Versuch ist, Kontrolle zu gewinnen. Das, was in der Popkultur davor war, war ja auch nicht nur ein Androgynwerden, sondern es war auch ein Queerwerden, es war ein sich Aussetzen anderen möglichen Begehrensformen, ein Rumprobieren mit queeren, schwulen, lesbischen Begehrensformen. Mit alledem lässt man sehr viel mehr Zufall in sein Geschlechtsleben: Wenn man nicht von Anfang an so genau weiss, ob man Frau oder Mann ist, was die Richtung des eigenen Begehrens ist.

L: Aber das Anlegen des Geschlechtskostüms, also die Vereindeutigung der Geschlechtsmerkmale mit dem langen Haar und den Bärten, ist sie desexualisierend? Das kommt mir in Verbindung mit der Betonung des Kontrollkörpers so vor, als wäre das eigentlich eine unheimliche Desexualisierung…

H: Kommt drauf an, wie man Sexualität fasst. Wenn man Sexualität eher von einer deleuzianischen Seite anschaut, als sich Einlassen auf alle möglichen Territorien des Wünschens und Begehrens und einem Austesten von Begegnungen mit dem anderen, indem man eben gerade nicht weiss, was passieren wird – insofern ja, weil das dann alles Versuche der Reterritorialisierung sind. Wir schrumpfen sozusagen zusammen auf ein gut kartiertes Territorium. Andererseits sind Begehren und Sexualität ja dermassen vielfältig kulturalisiert, dass ich nicht ausschliessen würde, dass es auch grosse Lust bereiten kann, sich an wohlsortierten Bildern zu orientieren. Why not? Für die Art und Weise, wie ich gelernt habe, Sexualität zu leben, ist es eine eher seltsame Vorstellung, auf diesem Gebiet so viel schon voreinzustellen, dass nur noch wenig Spielraum da ist. Aber so eindeutig ist es dann auch wieder nicht. Pornografie, die ja auch mit all diesen Dingen hantiert: gut kontrollierte Körpermechanik und extrem klischeehafte Zeichen von Geschlechtlichkeit, auch da würde ich nicht per se sagen, da sei keine Sexualität mehr. Es ist eine sehr spezielle, eine, die mir persönlich sehr fremd ist, aber dass das Lust bereitet, ist trotzdem vorstellbar.

L: Kann es sein, dass diese Vereindeutigung von Geschlechtern inklusive Liebe und Sexualität wieder unheimlich nah an den Reproduktionszyklus anschliesst? Das wäre natürlich traurig.

H: Ja, ich glaube auch. Es gab schon mal eine grössere Weite, und im Moment beobachtet man, dass die Territorien des Begehrens und der Lust wieder kleiner werden. Andererseits bleibt es durch die Möglichkeiten der medialen Selbstvervielfachung aber gleichzeitig relativ unübersichtlich. Das heutige Wuchern von Körperbildern ist viel breiter gestreut als in den Achtzigern oder Neunzigern. Da war es ja noch nicht ganz so einfach, Bilder von sich zur Sexualität anbietenden Körpern überhaupt zu kriegen, Schundhefte und eine Reihe von Pornos in der Videothek, die unter Verschluss gehalten wurden. Das ist natürlich heute allgegenwärtig, und von daher sollte man vielleicht besser von einer kompletten Neuvermessung dieser Landschaft sprechen, innerhalb der sich die Sexualität abspielt. Und ich vermute mal, dass es für dich und mich gar nicht so einfach ist zu verstehen, was da abläuft oder wie es sich in diesem Gelände neu sortiert für die jetzige Generation. Ich jedenfalls stehe da häufig vor einem grossen Rätsel.

L: Was soll ich da sagen … Ich möchte aber noch auf andere Haare zu sprechen kommen, über die sonst wenig geredet wird, die Augenbrauen. Es gab eine Zeit der Epilierung, die sehe ich heute eigentlich nur noch bei osteuropäischen Frauen. Das gehört für mich zu den rätselhaftesten Dingen, weil die Augenbrauen ja quasi zur eigentlichen Ausdruckskraft des Gesichtes gehören. Ich glaube, Marlene Dietrich war eine der Ersten, die das gemacht hat. Warum epiliert man sich die Augenbrauen?

H: Der ganze Bereich rund um die Augengestaltung ist interessanterweise ja fast nur für Frauen so gut durchkultiviert, und da gibt es halt verschiedene Zonen. Es gibt einmal die Augenbrauen und einmal die Wimpern, und du kannst mit dem Spiel dieser zwei Zonen miteinander eine ganz grosse Bühne im Gesicht schaffen. Das ist die maximale Bühne, weil die Augen ja das Hellste im Gesicht sind, ein Farbakzent. Da spielt sich eigentlich Theatralität ab.

L: Aber die klassischen Augenbrauen sind doch natürlich dazu da, die Augen zu schützen. Warum werden die Schutzmassnahmen weggenommen? Ist das ein Akt der Wehrlosigkeit, um die Strahlkraft der Augen auch zu vergrössern…

H: Ja, auch weil Wehrlosigkeit einen gewissen Sexappeal hat. In der klassischen Zuordnung von aktivem und passivem Part sind Wehrlosigkeitssignale wichtig, und durch das Schminken rund um die Augen kann man da natürlich grossartige Mischformen auswählen und Wehrlosigkeit und Aggression parallel herstellen, das ist dann ganz grosses Theater.

L: Nastassja Kinski mit richtig buschigen Augenbrauen, das ist ein unglaublich sexueller Reiz. Und plötzlich werden die Augen nur noch Schiessscharten… Was du sagst mit der Bühne, das leuchtet vollkommen ein. Fahren wir nach weiter unten. Was ist das da für eine Bühne bei Schamhaaren, also das Entfernen der Schamhaare, was soll da die Bühne sein? Das ist mir einfach nicht klar, ist das hygienisch begründet? Welchen Bühnenauftritt will man dadurch gewinnen? Man verliert den Vorhang, das ist klar, aber …

H: Da kann man überhaupt nur über Westeuropa sprechen, weil die Symboliken so verschieden laufen in den unterschiedlichen Kulturen. In der europäischen Tradition ist die weibliche Schambehaarung ein ultimativ aggressives Symbol, weil sich unter der Schambehaarung die gefrässige Vagina befindet. In sehr vielen Darstellungen der Antike sitzt dort eine Spinne oder irgendwas anderes Gefährliches. Der Schutzvorhang symbolisiert etwas ganz anderes, nämlich Gefahr. Man weiss nicht, was die Möse macht, die Vaginafantasie hat immer damit zu tun, dass man sie selbst nicht sieht. Sie ist das Geheimnisvolle, potenziell Monströse. Weil man sie nicht darstellen kann, steht dann die Behaarung für dieses Böse und Gefährliche. Ich glaube, das Wegnehmen dieses Schutzes ist wie das Entfernen der bösen Maske und in diesem Fall auch ein Wegnehmen des Bedrohlichen der Sexualität. Man will den Körper und seine Sexualität so weit wie möglich kontrollieren. Das soll für alle ein entspannender, freudvoller Vorgang sein mit nichts Bedrohlichem mehr. Dieses fundamental gefährliche Moment der Sexualität, eben nicht zu wissen, was da passieren kann, auf welche Art und Weise man sich aufeinander einlässt, wird damit sozusagen eigentlich wegrasiert.

L: Dann kommt natürlich noch der Fetisch «Transparenz» dazu.

H: Genau, dann weiss man, was man hat.

L: Dann hat man den Fetisch der Transparenz und vermisst das Geheimnis.

H: Du vermisst das Geheimnis, ich glaube, viele vermissen das Geheimnis überhaupt nicht. Die sind ganz froh darüber, dass Sexualität…

L: …enthaart ist…

H: …enthaart ist und schön glatt poliert. Ich glaube schon, dass es auch eine Sehnsucht nach Geheimnislosigkeit gibt, die viel mit diesem Nicht-mehr-Akzeptieren-können von Zufälligkeiten zu tun hat. Das ist eine Tendenz, die total stark ist im Moment in ganz vielen und sehr unterschiedlichen Bereichen des Lebens.

L. Das gilt auch für die Achselhaare?

H: Ja, die sind sozusagen die kleinen Geschwister der Schambehaarung.

L: Ein anderer Aspekt: Als Junge hat mich unglaublich fasziniert, mit Schrecken wie mit Attraktion erfüllt: dieses Strafverfahren des Haarescherens für Kollaborateurinnen, also für junge Französinnen, die sich mit Wehrmachtsoldaten zusammengetan hatten, die öffentlich zur Schau gestellt wurden und denen das Haar geschoren wurde. Von Hiroshima mon amour ist nur diese einzige Szene in meinem kleinen Jungenkopf hängengeblieben: das kahlgeschorenen Mädchen im Kellerverliess, in das die Eltern sie nachher noch eingesperrt haben, um die soziale Schande zu verbergen. Ich frage mich, warum? Völlig unklar, ob die Demütigungsgeste plötzlich umschlägt in eine Selbstermächtigungsgeste: Jeanne d’Arc.

H: Ich glaube, dass es ganz wesentlich damit zusammenhängt, dass langes Haupthaar ein besonderer Marker für Weiblichkeit ist. Und in der Bestrafungsgeste ist klar, was da passiert: Es wird symbolisch die Weiblichkeit entfernt. «Deine Weiblichkeit hat was Schlimmes angestellt», weil Sexualität mit im Spiel ist, also nehmen wir dir deine Weiblichkeit… Und in der umgekehrten Version ist es sozusagen ein bewusstes Ablehnen dieser zugeschrieben Markierung. Es ist nicht die Zurückweisung von Weiblichkeit, sondern es ist die Zurückweisung eines bestimmten Bildes einer normativen Vorstellung, wie Weiblichkeit auszusehen hat. Das ist ja das Komplizierte an diesen Körperzeichen, dass sie eben nie direkt auf irgendetwas verweisen. Es geht immer über Bande, es muss sozusagen eine ganz grosse kulturelle Tradition aufgebaut sein, damit das lange Haar Weiblichkeit bedeuten kann. Und deshalb ist die Zurückweisung nicht die Zurückweisung von Weiblichkeit, sondern eine Zurückweisung all dieser Zuschreibungen. Sinéad O’Connor war die letzte ganz berühmte Figur in der Popkultur. Obwohl in den letzten Jahrzehnten diese Haarpolitik sich geradezu wieder umgekehrt hat.

L: Ja? Da kenne ich mit zu wenig aus.

Hr: Wir haben bisher nur über Haare als visuelle Zeichen geredet, aber es ist natürlich auch, gerade bei Rastas oder Lockenköpfen, aber auch beim Kahlrasieren, noch etwas ganz anderes im Spiel. Und zwar wirkt die Haartracht zurück auf die Art und Weise, wie du dich bewegst. Du kennst ja diese Stelle über Mode bei Hermann Lotze, die ich so liebe. Er sagt, der Hut, der hat jede Menge symbolische Bedeutung, aber er ist auch ein Mittel, den Körper aufrechter zu halten. Und je nachdem wie gross der Hut ist und welche Federn drauf sind, gibt es einen anderen Gang. Das gleiche gilt für lange Haare. Mit Rastahaaren hat man eine andere Haltung, weil sie anders schwingen. Auch der Afro hat Rückwirkungen auf die Art und Weise sich zu bewegen. Ich finde es wichtig drauf hinzuweisen, dass Haare nicht bloss visuelle Zeichen sind. Sie wirken irgendwie auch auf die Art und Weise, wie man sich in der Welt bewegt, ein. Gerade schwere Haare, die machen was mit dir und die haben deshalb ja auch so eine starke Beziehung zu Musikkulturen, Rhythmizität und solchen Dingen. Mit einer neuen Frisur muss man dann womöglich alles neu lernen, und die Körperhaltung ist ein ganz schön wichtiges Ding für die eigene Weise, in der Welt zu sein.

L: Was mir sehr einleuchtet, ist, dass du sagst, es wird immer über Bande gespielt. Aber es funktioniert nur, indem man die Banden vergisst, oder?

H: Ja, aber dennoch spielt dann immer noch der eigene Körper als wesentlicher Faktor mit rein. Beim Entfernen von Körperbehaarung ist es ja noch das einfachste. Da arbeitest du eigentlich an gegen das, was dein Körper an Farben und Formen produziert. Und da ist es kein Wunder, dass solches Wegnehmen tendenziell Richtung Androgynität geht. Sonst musst du halt mit dem arbeiten, was du hast. Das ist ein wichtiges Moment, dass du dir deinen Körper eben doch nie ausgesucht hast, sondern du mit dem irgendwie wirtschaften musst, was du mitbekommen hast. Es ist wohl eine der grössten Kränkungen überhaupt, dass man sich seinen eigenen Körper nicht ausgesucht hat. Und dann arbeitest du dein ganzes Leben daran, dir dieses Ding, das dir gegeben worden ist, anzueignen. Kosmetik kann man auch so auffassen: Sie ist der Versuch, dir zu eigen zu machen, was dir nicht gehört, was dir halt irgendwie übergeben worden ist. Das ist die ganz grosse Frage: Wem gehört eigentlich mein Leben? Und der Körper ist nun mal das, was am stärksten dieses Leben in sich trägt und prozessiert und aufnimmt.

L: Ich habe mich lange mit einem elektrischen Rasierer rasiert, bis meine Freundin Helga das vollkommen unmännlich fand. Am liebsten hätte sie noch so ein Messer gehabt, jedenfalls durfte man sich als Mann einfach nicht trocken rasieren – das hat mir eingeleuchtet.

H: Hast du die Nassrasur wieder aufgenommen?

L: Ja, habe ich.

H: Und was macht das eigentlich? Man ist länger glatt wahrscheinlich, oder?

L: Das weiss ich gar nicht. Ich glaube, Elektrorasierer sind inzwischen so gut, dass der Unterschied kaum bemerkbar ist. Nein, es erfrischt einfach mehr. Es ist ja auch kein Schmerz, eher ein Weckreiz, ein wirklich schönes morgendliches Ritual.

H: Wie den Kopf ins Wasser stecken. Apropos: Warum wollte sich Bert Brecht eigentlich nie waschen? Wegen des Kopfes unter Wasser?

L: Die viel wichtigere Frage ist doch, warum haben die Frauen ihn überhaupt akzeptiert?

H: Den Stinker!

L: Es war ja wirklich unter den Schauspielern berüchtigt, dass er stank, ja.

H: Aber wie kommt das, was ist das für eine Geste? Sich selbst zur totalen Zumutung zu machen für die Welt …

L: Ist mir auch völlig unbegreiflich und alle, die damit zu tun hatten, fanden das auch völlig unbegreiflich.

H: Also es ist natürlich eine Methode der Entfremdung – so zu stinken, dass sich niemand mehr dir nähern will.

L: Aber du musst bedenken: Keiner hat so viele Waschgedichte geschrieben wie er, und bei keinem wird so viel in Wasser und Seen getaucht wie bei ihm und vom sicheren Ufer aus betrachtet. Max Frisch beschreibt das im ersten Teil seines Tagebuchs: Sie gehen zum See und Brecht lehnt es strikt ab, ins Wasser zu gehen, sondern er beobachtet die Frauen, wie sie in den See gehen. Der Geruch ist ein Medium der Regulation von Nähe und Entfernung…

H: Damit regulierst du natürlich Nähe und Ferne sehr massiv. Man könnte es vielleicht so interpretieren, dass er sich so die Menschen vom Leib halten wollte, dass er einen geruchlichen Schutzwall aufgebaut hat. Wir machen das alle mal hin und wieder, Schutzwälle aufzubauen, aber eigentlich hoffen wir darauf, dass den dann jemand überwindet. Das ist der ultimative Beweis für Liebe, so könnte man es vielleicht interpretieren.

L: Das ist eine raffinierte Interpretation.

H: Machen wir doch alle, Schutzwälle bauen, die gleichzeitig einen Anreiz bieten sollen, diese einzureissen.

L: Jetzt übertrag das mal auf die Haare. Schutzwall aufbauen mit dem Wunsch, dass der durchbrochen wird. Da kann man sich unglaublich vertun bei der Einschätzung, was Schutzwall ist und was …

H: …und was etwas anderes ist. Absolut.

L: Das bringt viele um.

H: Das ist das Spiel des Begehrens. Der Aufbau von Abstandszonen, die gleichzeitig eine Einladung sind. Ich finde gerade, um noch einmal darauf zurückzukommen, dieses Theater rund um die Augen, das hat ganz viel damit zu tun, das sind ja auch einfach grossartige Instrumente, um genau dieses Spiel zu spielen, noch dazu, weil sie sich ja öffnen und schliessen können, damit wirklich Abwehr und Einladung zusammenkommen. Das Zwinkern zum Beispiel ist so eine grossartige Geste, um genau diesen Mechanismus zu signalisieren.

L: Dir ist nichts Menschliches fremd, wie ich sehe, ja, und …

H: Wem schon?

L: Ich finde Frauen ein Rätsel.

H: Wo ist die Frau rätselhafter als ein Mann? Mir sind alle Menschen extrem rätselhaft, weil wir alle nur so geringe Möglichkeiten haben, die Innenwelt mitzuteilen. Aber ich könnte nicht sagen, dass mir Männer rätselhafter sind als Frauen.

L: Als Objekte der Sehnsucht sind sie mir eigentlich nicht rätselhaft, aber dabei soll’s auch bleiben.

H: Um dich nach etwas zu sehnen, brauchst du ja wirklich gar nichts verstehen. Ich kann mich ja auch nach dem Mond sehnen, und ich brauch nichts vom Mond zu verstehen.

L: Ok, dann mach ich das…

Karin Harrasser ist Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. Sie setzt sich u.a. in 'Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns' (2017) und in 'Prothesen. Figuren einer lädierten Moderne' (2016) mit Körper- und Selbsttechniken auseinander. Helmut Lethen war u.a. Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. Zuletzt porträtierte er in 'Die Staatsräte' (2018) die Elite der NS-Diktatur anhand von Luftwaffenoberbefehlshaber Hermann Görings direkt Untergebenen. Mit 'Der Schatten des Fotografen' (2014) geht er auf die Suche nach der Wirklichkeit hinter den Bildern. ------ Dieser Artikel ist Teil der Begleitpublikation 'FAKE. Das Magazin'. Das ganze Magazin bestellen via: info@stapferhaus.ch